Essays

Rainer Gunkel

Naturschurt im Anthropozän

Anthropozän, zu Ende gedacht, bedeutet, die Herrschaft über die Erde anders auszuüben als im ausgehenden Holozän, nämlich weltgärtnerisch. …

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Gunkel, Rainer; Meißner, Andreas; Ullner, Rolf

Ökologische Aspekte in der Psychotherapie
Psychotherapeuten als Weltgärtner?

Ist es vielleicht so, dass wir, wenn wir selbst Kassandra nicht sprechen, schreien, klagen lassen, die Patientin/ den Patienten hindern, sich ihr auszusetzen?
(Anne Springer¹)

Zusammenfassung:
Seit 2000 ist das Anthropozän als geologische Erd-Epoche² im Gespräch: Der Mensch beherrscht den Planeten. Das hat Konsequenzen für die Sozialwissenschaften, unweigerlich auch für die Psychotherapie. Da die Natur zum Objekt der Sozialverhältnisse³ geworden ist, reicht der Blickwinkel der Psychotherapie auf die zwischenmenschliche Arena nicht (mehr) aus. Unser expansiver Umgang mit den nichtmenschlichen Lebewesen und der unbelebten Materie gehört in den Fokus psychischer Analyse, weil er die zwischenmenschlichen Beziehungen entschieden prägt. Wir Psychotherapeuten stehen in dem Dilemma, gleichzeitig (Mit-)Täter wie Opfer des Expandierens zu sein. Die Autoren laden die Fachkollegen dazu ein, diese Gedankenlinie mit Blick auf ihre eigene Theorie und Praxis einmal mitzugehen.

¹ Springer, Anne in: Dieckmann, H. u.a.: Weltzerstörung – Selbstzerstörung. Walter Verlag 1988, S.251

² siehe Müller, Michael und Crutzen, Paul: Das Ende des blauen Planeten? 2012; siehe auch: Arbeiten von Leinfelder, Reinhold

³ siehe Welzer, Harald: Selbst Denken. Fischer 2014, S. 116

Luftbild Mulde

Vollständiger Text

 

Thesen zur ökologischen Wende in der Psychotherapie

Ist es vielleicht so, daß wir,
wenn wir selbst
Kassandra nicht sprechen, schreien, klagen lassen,
die Patientin/ den Patienten hindern, sich ihr auszusetzen?

(Anne Springer)

Zur Handhabung:
Dieser utopische Leitfaden in 34 Thesen soll den gedanklichen Faden spinnen, der von der Wahrnehmung der anthropogen bedrohten Lebensgrundlagen ausgeht und zur Integration unserer Mitverantwortung dafür als Psychotherapeuten reicht. Damit wird der Versuch gemacht, Psychotherapie über den Rahmen des üblichen kulturellen Wertesystems hinaus für zuständig zu erklären für Störungen des Erlebens und Verhaltens, die – im Sinne des ökologischen Imperativs (These 23) – die Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden betreffen.

Mehrere Thesen werden in einem Anhang näher besprochen und ggf. mit Zitierungen verwendeter Literatur versehen.

Der Text entstand für ein Sonderseminar anläßlich der Jubiläumsveranstaltung
„20 Jahre Meisdorf“
der Mitteldeutschen Gesellschaft für Katathymes Bilderleben und imaginative Verfahren in der Psychotherapie und Psychologie im Januar 2014 in Meisdorf (Harz).

Für kritische Rückmeldung jeder Art (ueberlebenskultur@gmx.de Stichwort: Thesen) bin ich herzlich dankbar. Vielleicht entwickelt sich ein kollegialer Austausch zu diesem m.E. vernachlässigten Themenkreis.

Dr. phil. Dipl.-Psych. Rainer Gunkel
MGKB
Ökologischer Ärztebund
BUND

Januar 2014

1.Die Gattung Mensch verbraucht mehr und mehr Natur*. Der Tag der Erschöpfung des Planeten (Earth Overshoot Day)** rückt von Jahr zu Jahr immer weiter nach vorn: Im Jahr 2012 hatten wir Menschen global bereits am 22.August so viel Natur verbraucht, wie es uns bis zum 31.12. zugestanden hätte.

2. Der ökologische Fußabdruck* oder der Kohlendioxid-Ausstoß pro Person sind zur Orientierung als individuelle und kollektive Risikomaße geeignet. Der globale Temperaturanstieg, die Menge an Kunststoffen in Meeresstrudeln, die Abnahme von „Dörfern“ (sich weitgehend selbst versorgenden Einheiten)** oder die Rohstoff-Engpässe führen planetarische Wirkungen der Gattung vor Augen.

3.Die Dimension dieser Entwicklung, bei der es um absehbar sinkende Überlebens-chancen der Gattung geht, wird kollektiv teils übersehen, teils verleugnet. Zudem wird darauf mit unzureichenden Mitteln* reagiert.

4.Die Fixierung auf Wachstum der Wirtschaft – quasi den Motor der Globalisierung – führt zur Beschleunigung des Produzierens und Konsumierens mit den Folgen steigender Rohstoffverbräuche und Abfallmengen. Folgen: Peak Everything (Erreichen des Fördermaximums wichtiger Rohstoffe), Klimawandel*, Chemisierung und Vermüllung.

5.Die erdölbasierte Industrialisierung hat das exponentielle Wirtschaftswachstum ermöglicht. Mit ihm befinden sich Verbräuche und Emissionen im Ansteigen.
Parallel ist der ökologische Fußabdruck in den führenden Industrieländern* auf überaus bedenkliche Werte gestiegen. Wollten alle Menschen so leben wie wir Deutschen, so würden wir eines Planeten von fast dreifacher Größe bedürfen.

6.Wissenschaftler, Ökonomen und Politiker verstärken mit ihren wesentlichen Tätigkeiten die beschriebenen Wirkungen. Sie sehen sich beauftragt, im internationalen Wettbewerb Nutzen* und Erfolg zu erzielen.

7.Gegenbewegungen* haben konzeptionelle und lebenspraktische Alternativen entwickelt und vorgelegt, vielfach sogar bereits realisiert. Diese finden sich in der Philosophie, in vermutlich allen Wissenschaften, in der ökonomischen und politischen Theorie. Sie sind mittlerweile in fast aller Munde und dennoch der Macht des Faktischen, der „Pathologie der Normalität“ (Erich Fromm) dramatisch unterlegen.

8.Die Regeln und Normen der Industriegesellschaften, unter denen (siehe Thesen 1 und 2) die globalen Überlebenschancen existenziell bedroht sind, führen zu sich verändernden mentalen Strukturen* und von daher zu dysbalancierenden Lebensweisen**,die mit Abwehrvorgängen wie Rationalisierung, Verleugnung u.a. korrespondieren. Das begünstigt Verhaltensdispositionen wie
– hohes Selbstzwangniveau
– interne Bereitschaft zu linearem statt kreislaufwirtschaftlichem Denken und Handeln
– Umwertung eines in sich ruhenden Selbst zu einem stetig wachsenden Selbst***
– Selbstoptimierung als interne Bereitschaft zu Beschleunigung, Erweiterung und
Erhöhung im Produzieren und Verbrauchen: Risiko des „burn out“.
– Kauflust: Das Kaufen selbst wird als sinn- und gemeinschaftsstiftend erlebt.
– charakterlich prägende Identifikation mit dem Produkt als Marke
u.a.m.

9.Psychologie und Psychotherapie sind von den kollektiven Fehlentwicklungen nicht ausgenommen. Sie analysieren menschliches Erleben und Verhalten systematisch auf der Ebene der kulturell geprägten Sozialbeziehungen und nur zufällig bzw. sporadisch auf der Ebene des menschlichen Naturverhältnisses (These 12).

10.Psychotherapie ist dem Begriff von Gesundheit aus der Krankheitsklassifikation ICD 10 verpflichtet, der psychische Erkrankung feststellt, wenn „Erfahrungs- und Verhaltensmuster … von kulturell erwarteten und akzeptierten Vorgaben abweichen“ (ICD S.234).

11.Insoweit ist PT an den kollektiven Abwehrvorgängen (siehe Thesen 3 und 8) systematisch und nicht unschuldig beteiligt.

12.Das menschliche Naturverhältnis* betrifft über die soziale Arena hinaus das Verhältnis des Menschen zur unbelebten Materie, zur Pflanzenwelt und Tierwelt sowie zu den menschengemachten Dingen.

13.Analyse der individuellen Beteiligung an den kollektiven Abwehren unter dem ökologischen Aspekt, also dem des menschlichen Naturverhältnisses, findet eher zufällig statt und wird der Ethik zugeschrieben oder als ehrenamtlich angesehen, statt als essentiell wissenschaftlich.

14.Der Mensch ist unweigerlich Bestandteil der natürlichen Kreisläufe und daher selbst mit seinem wesentlichen Tun bzw. seinen Produkten Gegenstand einer sozial-ökologischen Analyse, also letztlich einer Psycho-Analyse seines Naturverhältnisses.

15.Die Beziehungen des Menschen zur vorgefundenen und zur weiterhin umgestalteten „Umwelt“ sind bislang eher nicht oder nur zufällig Gegenstand der Psychotherapie als der Lehre der Behandlung psychischer Erkrankungen (siehe Thesen 9 und 13).

16.Fußt Lebenszufriedenheit einer Gemeinschaft auf Verhältnissen, die die natürlichen Lebensgrundlagen vernachlässigen oder unterminieren, so bedarf es zur Rechtfertigung kollektiver Übereinkünfte. Wird individuell Lebenszufriedenheit erlangt durch Verhaltensweisen, die die natürlichen Lebensgrundlagen vernach-lässigen oder unterminieren, so bedarf das eines Aufwandes an psychischer Abwehr (Verleugnung, Verdrängung u.a.m.).

17.Wenn dem so ist, dass die wesentlichen menschlichen Aktivitäten das Leben der Gattung selbst mehr und mehr bedrohen (siehe Thesen 1 und 3), so haben die zuständigen Wissenschaften, in unserem Fall die Psychologie und Psychotherapie, viel aufzuholen. Denn die intrapsychischen und soziopsychischen Aspekte dieses menschlichen Wirkens sind von substanzieller Bedeutung. Leisten Psychologie und Psychotherapie die Aufgabe, dieses Tun und seine Folgen systematisch – seitens der Ausbildungseinrichtungen und der Fachverbände – zum Gegenstand zu machen?

18.Was geht im Menschen der Industriegesellschaft* vor, das ihn motiviert, mit zunehmendem Naturverbrauch die Überlebenschancen der eigenen Gattung zu gefährden? Was sind die Merkmale eines „Natur-Defizit-Syndroms“**, einer „Ökophobie“ oder einer „Naturophobie“***? Sind die dem entsprechenden Abwehrvorgänge nicht dringend einer Psycho-Analyse bedürftig?

19.Inwieweit gibt es im Menschen der Industriegesellschaften intra-psychische Instanzen, die – dem Motto gemäß „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ – für Nachhaltigkeit anstatt Erhöhung des ökologischen Fußabdruckes plädieren?
Gibt es Empathie* bzw. Mitgefühl für Außermenschliches?
Hat Spiritualität ihren Kern darin, die Lücke zu schließen, die in der Bindung an die natürlichen Lebensgrundlagen aufgrund des Verlustes an Instinkten entstanden ist?
Existiert ein intuitives Evolutionswissen?
Sind diese und andere nachhaltigkeits-fördernde Dispositionen nicht dessen bedürftig, psycho-therapeutisch freigelegt zu werden, wo sie blockiert sind?

20.Noch einmal: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Gerade in Deutschland scheint das Bewußtsein einerseits für Gefährdungen des Ökosystems und andererseits für eine sozial-ökologische Öffnung erfreulich entwickelt zu sein.
Sowohl widerständige Bürgerbewegungen (gegen AKW, Müllverbrennung, Gentechnologie, Fracking, Großprojekte, Massentierhaltung u.a.) als auch Graswurzelbewegungen (Transition Town Initiativen, Tag der Regionen, Solidarische Ökonomie, Tauschringe, Gib-und-Nimm-Läden, slow food, Vegetarier, Vegane) mahnen an, freilich oftmals eher zufällig, womöglich gar chaotisch, auf die „Stimmen“ nichtmenschlicher Wesen zu hören und deren Botschaften zu integrieren.

21.Die Analyse der Stimmen der nichtmenschlichen Wesen, also dessen, was wir nicht sehen und hören wollen – etwa wie ein Tier sich im Schlachthaus fühlt* – führt zu den Wurzeln der globalen menschengemachten Fehler. Analysieren wir, was wir u.a. der Fauna und Flora antun, so analysieren wir, was wir uns selbst antun. Das führt zur Erkenntnis dieses Tuns als einer psychischen Krankheit, die, wie andere psychische Krankheiten auch, einer Diagnostik** und Therapie bedarf.

22.Also ist ernsthaft zu prüfen, ob nicht der ökologische Horizont, der Horizont eines „vernünftigen Haushaltens“ künftig der Rahmen für jegliche Wissenschaft, speziell für Psychologie und Psychotherapie sein soll.

23.Muß nicht der ökologische Imperativ (formuliert von Hans Jonas) Basis unseres Berufsethos sein?
Handle so, dass die Wirkungen deines Handelns verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.
Analysiere Denken und Handeln, das den ökologischen Fußabdruck erhöht (These 8), fördere Denken und Handeln, das ihn mindert. Hinterfrage die beruflich routinierte Tendenz der „individualgenetischen Psychologisierung“* von Botschaften, die ökologischer Genese sind.

24.In jede psychologisch-psychotherapeutische Ausbildung, jede Selbsterfahrung und Supervision, in jeden psychotherapeutischen Prozess gehört die Abwägung, inwieweit professionelles Denken und Handeln unseren natürlichen Lebensgrundlagen zuträglich ist oder nicht, also, inwieweit es in der Folge den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren vermag oder nicht.

25.Konsequent gesehen bedeutet eine für den sozial-ökologischen Zusammenhang offene Psychologie und Psychotherapie, die psychischen Aspekte des exzessiven Verbrauchens von Natur in den Industriegesellschaften fundamental kritisch, wissenschaftlich zu reflektieren bzw. tiefenpsychologisch zu hinterfragen.

26.So wie die Fehler unserer Lebensweise sind auch die Perspektiven einer „Heilung“ der Reflexion zugänglich.

27.Regeln für eine andere Lebensweise als Rohstoffausbeutung und globale Vermüllung sind vorgedacht und vorbereitet*. Man kann beginnen, darauf hin zu leben.

28.Eine wenig bekannte Studie der Bundeswehr* zu Sicherheitsrisiken knapper Ressourcen aus dem Jahr 2010 sagt eine Zukunft in regionalen, sich verkleinernden Strukturen voraus.

29.Das Leben nach dem Öl und nach anderen endlichen Rohstoffen wird resilienter*, also widerstandsfähiger gegen äußere Störungen werden. „Peak Oil“ und „Peak Everything“ geben – bei aller Unschärfe – Einblicke in das jeweilige Zeitfenster.

30.Dezentralisierung, Entschleunigung, Verkürzungen der Transportwege, reparaturfreundliches Produzieren, Nutzung regionaler und erneuerbarer Rohstoffe, nachhaltiges Produzieren in Industrie und Landwirtschaft, Tauschringe, Gib- und Nimm-Läden und regionale Währungen machen die Region, die Kommune widerstandsfähig gegen globale Krisen. In der Wiederentdeckung der menschlichen Potenzen zur autarken Versorgung (Energie, Landwirtschaft, Kleinindustrie und Handwerk) liegt womöglich ein Heilungskonzept für die Dörfer und Städte der globalisierten Welt.

31.Permakultur* als nachhaltige Lebensführung beschreibt die Kultur der regionalen Selbstversorgung. Sie will nachhaltige menschliche Lebensgemeinschaften entwickeln helfen. Einige der Merkmale:
-Selbstregulationsprozesse in den Systemen erkennen und nutzen
-jede Veränderung im System soll Erträge bringen, ohne Abfall zu hinterlassen**
-vielfältige Systeme anstatt Monokultur
-zyklische Abläufe statt linearem „Ex und Hopp“
-erneuerbare Ressourcen behutsam, insbesondere regional nutzen
-integrative Konzepte anstatt Spezialisierung und Arbeitsteilung.

32.Das Kind braucht – rund um den Globus – ein Dorf, um sich wirklich gut zu entwickeln. Die in den Thesen 30 und 31 aufgeführten strukturellen Veränderungen sind unweigerlich begleitet, ja, getragen von sich intensivierenden Sozialbeziehungen. Die Symbolik des Dorfes meint, dass Vertreter der verschiedenen gärtnerischen, landwirtschaftlichen, handwerklichen und kleinindustriellen Branchen, dass Familien, Nachbarschaftsgemeinschaften, Straßenzüge, Dörfer und Stadtteile den örtlichen Bedürfnissen gemäß im Zuge der (Selbst-) Versorgung der Region in Kooperation treten. Unter solchen Bedingungen intensivieren sich die örtlichen Sozialbeziehungen. Kinder werden einbezogen in die erforderlichen Aktivitäten des Produzierens, des Handelns und Pflegens, und der Gedanke, ein Abitur in nachhaltiger Lebensführung (Permakultur) abzulegen*, wird immer realistischer.

33.In unserer normalen Bürgerlichkeit erscheint eine solche Lebensweise eher fremd, ja, utopisch oder nostalgisch. Aber sie ist den meisten Menschen in ihren Wohlfühl-Wünschen, den Visionen und Träumen überraschend vertraut. Sie schimmert auf etwa in Versuchen der Gartentherapie, in Projekten des städtischen Gärtnerns (Urban Gardening) oder naturnahen Almwirtschaften, in den ökologischen Abteilungen von Gartenbauausstellungen, in Öko-Dörfern oder in „essbaren Städten“.

34.In diesem Sinne dürfte es eine produktive und reizvolle Aufgabe der Psychotherapeuten werden, sich und andere mit den Mitteln ihres Faches vorzubereiten auf eine Lebensweise im Sinne der Permakultur – mit einem ökologischen Fußabdruck von der Spur einer Feder*.
Wäre das die ökologische Wende in der Psychotherapie? Eine Lebensweise, die dem Planeten ebenso wie den Sozialbeziehungen gut tut, bewußtseinsfähig zu machen und dadurch mit zu befördern?

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Anmerkungen

zum kursiven Zitat unter dem Titel der Arbeit: Anne Springer, S. 251 in: Dieckmann Hans und Anne Springer (Hrsg.): Weltzerstörung – Selbstzerstörung. Olten 1988

1.*“Nichts ist weniger feststehend als die Idee der Natur.“ (Bruno Latour: Das Parlament der Dinge. Suhrkamp.Frankfurt a.M. 2012). Von daher wird der Naturbegriff im Rahmen dieser Thesen sehr zurückhaltend verwendet. Mitunter kann nicht verzichtet werden auf einen Naturbegriff in der Einengung auf unbelebte Materie, Pflanzen- und Tierwelt – Natur als dem Menschen gewissermaßen gegenüber stehend.

**Der Earth Overshoot Day/ Ecological Debt Day, zu deutsch „Weltschuldentag“ oder „Welterschöpfungstag“ gibt den Kalendertag jedes Jahres an, ab welchem die von der Menschheit konsumierten Ressourcen die Kapazität der Erde übersteigen, diese zu regenerieren. Berechnet wird der Ecological Debt Day durch Division der weltweiten Biokapazität, also der während eines Jahres von der Erde produzierten natürlichen Ressourcen, durch den ökologischen Fußabdruck der Menschheit multipliziert mit der Zahl 365, der Anzahl von Tagen im Gregorianischen Kalender.

2.*Unter dem ökologischen Fußabdruck wird die Fläche auf der Erde verstanden, die notwendig ist, um den Lebensstil und Lebensstandard eines Menschen (unter Fortführung heutiger Produktionsbedingungen) dauerhaft zu ermöglichen. Ausführliches Material (Nutzen, Kritik, Diagnostik) im Anhang „Ökologischer Fußabdruck“
**“Dörfer“ siehe genauer in These 32

3.*Die Energiewende folgt ebenso wie die gängige Umwelttechnik insgesamt – mit dem, was als „green new deal“ gilt – dem Dogma oder – freundlicher ausgedrückt – der Hoffnung, Wirtschaftswachstum und Naturverbrauch ließen sich entkoppeln. Sloterdijk nennt den Helden dieser „Wende“ den Heliotechniker (Psychologie Heute, Oktober 2009, S.63). Weiteres Wirtschaftswachstum insbesondere im postfossilen Zeitalter ist aber nur mit umso excessiverem Rohstoffverbrauch zu haben (siehe dazu Paech, Niko: Befreiung vom Überfluß. oekom. München 2012 oder Exner, Andreas: Die Grenzen des Kapitalismus. Wien 2008). Damit jedoch wird weiterhin kulturelle Praxis konserviert, die die Lebensgrundlagen unterminiert (Welzer, Harald: Mentale Infrastrukturen. in: Wirtschaft ohne Wachstum?! Hrsg. Woynowski, B. u.a. Arbeitsbericht des Instituts für Forstökonomie Freiberg 59/2012, S. 93)

4. *Gegenwärtig sind die Zweifler am anthropogenen Klimawandel auf der Erfolgsspur, da CO2-Ausstoß und Temperaturanstieg seit knapp 10 Jahren nicht mehr korrelieren. Schwer nachvollziehbar ist jedoch, wie Entwarnung gegeben werden kann,
1.wenn die Temperatur seit 2000 nun nicht mehr um 0,2°pro Jahr steigt, sondern (von längst beängstigend hohem Niveau aus) um jährlich nur noch 0,07° und
2.wenn triftiger Grund zur Annahme besteht, dass sich die südlichen Ozeane in Tiefen unterhalb von 2000 m signifikant erwärmt haben, also übergangsweise wie Speicher wirken. (siehe den Bericht vom 8.Extremwetterkongress. In: Umwelt-Medizin-Gesellschaft 4/2013, S.302-304 und siehe auch die Zusatzdatei „Klimafakten“ auf dieser CD: )

5.*Werte des Jahres 2012: Katar 11,7 Dänemark 8,3 USA 7,2 Belgien 7,1 Kanada 6,4, Finnland 6,2 Schweden 5,7 Deutschland 4,6 Japan 4,2…China 2,1 Indien 0,9
Der globale Durchschnitt liegt bei 2,7, der Planet würde aber nur einen ökologischen Fußabdruck von 1,8 ha pro Person vertragen.

6. *In der ökonomischen Verengung des Menschenbildes ist vom homo oeconomicus, vom nutzenorientierten Menschen die Rede. Dabei ist es üblich, mit dem Begriffspaar „rational-emotional“ zu hantieren. Dazu sei ein Exkurs erlaubt:
Rational:
Ratio ist Vernunft. Aber die übliche Begrifflichkeit bezieht sich nicht auf Vernunft, sondern auf die Werkzeugintelligenz im Dienste des vorderhand Nützlichen, auf die Intelligenz, die mit uns durchgeht.
In der üblichen Sprache des Politischen und Ökonomischen gilt als rational, was der Macht des Faktischen entspricht. Es geht um dasjenige, was nun mal, achselzuckend, der Gemeinschaft und/oder den Lebensgrundlagen angetan werden muss, um ein „erfolg“-versprechendes Projekt umzusetzen.
Der folgende Leserbriefausschnitt (FAZ, 06.12.2013, S.37) klagt aus der rationalen Position: „Wie wir… Deutsche uns derzeit um Fähigkeiten bringen (Fracking, Drohnen, Atom- und Gentechnologie und so weiter) ist unfassbar und unverantwortlich…Wir sind dann zukünftig für immer Gefangene unserer heutigen Realitätsverweigerung.“
Rationalität ist der von Erich Fromm beschriebenen Pathologie der Normalität (Fromm, Erich: Gesamtausgabe, Band XI, S.211 ff.) wesensverwandt.
Emotional:
In der politisch-ökonomischen Rede ist der Begriff „emotional“ abwertend etikettiert. Emotional ist unvernünftig, weltfremd, romantisch, quasi un-männlich. In der Abwertung verbirgt sich die Abwehr gegen das Bewußtwerden der Schuld, die sich u.a. Politik und Ökonomie aufladen, wenn sie vorzeitig ein Projekt (einen Großbahnhof oder -flughafen, eine Tiermastanlage usw.) instituieren. Mit „vorzeitig“ ist gemeint, dass nicht die Stimmen aller Wesen (auch der nicht-menschlichen) gewürdigt wurden. Das Emotionale ist (fast) immer der Rationalität unterlegen, denn es will in seinem Anspruch an Universalität alle Stimmen bedenken (siehe hierzu Latour, zit. unter Anm.1), so dass keine der Stimmen konstant gesetzt und damit ausgegrenzt werden darf.

7. *Ökologisch orientierte psychologische Analysen sind vor 2000 zu finden u.a. bei Wolfgang Schmidbauer, Hans Dieckmann&Mitarbeitern und Rudolf Bahro, in jüngerer Zeit u.a. bei Harald Welzer, Hartmut Rosa, wiederum Wolfgang Schmidbauer, Rudolf Haubl und Reiner Leggewie.
Ökonomie: Ostrom (Was mehr wird, wenn wir teilen. München 2011),
Mirowski (Die Ökonomen haben ihre Erzählung widerrufen. Interview in FAZ 16.02.2013, S.40),
Paech (Befreiung vom Überfluß. oekom 2012),
Exner (Die Grenzen des Kapitalismus. Wien 2008)
Permakultur: Holmgren (Permaculture. Principles and Pathways Beyond Sustainability. Hepburn 2003), Hopkins (Energiewende. Das Handbuch. Verlag Zweitausendeins 2008)
Geologie: Crutzen (Das Ende des blauen Planeten? Hrsg. Crutzen, Paul & Michael Müller), Leinfelder (Interview dradio 10.01.2013)
Historische Forschung: Chakrabarty (in: Die Zeit 52/2010, S.54)
Chemie: Hermann Fischer (Stoff-Wechsel. Kunstmann 2012)
Energie: Scheer, Hermann (Der energ-ethische Imperativ. Kunstmann 2010)

8. *Welzer, Harald: Mentale Infrastrukturen. in: Wirtschaft ohne Wachstum?! Hrsg. Woynowski, B. u.a. Arbeitsbericht des Instituts für Forstökonomie Freiberg 59/2012, S. 81
** Exkurs „Dysbalancierende Lebensweisen“ als Gegenstand der Psychologie

Lebensweisen, die die natürlichen Lebensgrundlagen labilisieren, sollen als „dysbalancierende Lebensweisen“ bezeichnet werden. Sie weisen einen unzuträglich hohen ökologischen Fußabdruck auf. Einerseits sind sie kulturelle Gewohnheiten, andererseits stehen sie sowohl im zwischenmenschlichen Raum als auch innerpsychisch unter Kritik bzw. Selbstkritik. Ihr negatives Potenzial wird im Fall ihrer allgemeinen Akzeptanz verleugnet (z.B. von Initiatoren von Großprojekten, Betreibern industrieller Nutztierhaltung oder Müllverbrennungsanlagen). Im Fall der Kritik wird ihr negativer Anteil ins kollektive bzw. individuelle Bewußtsein gehoben (Widerstand gegen solcherlei Großprojekte oder mindestens Konflikt des einzelnen bis hin z.B. zum Verzicht auf Fleischverzehr).

Lebensweisen mit riskantem ökologischen Fußabdruck, seien sie weiter DYSBALANCIERENDE LEBENSWEISEN genannt, sind im Grunde dissozial oder gar asozial – auch wenn die moderne Ethik bzw. die „Schul“-Psychologie und Psychotherapie dem noch längst nicht folgen. Übliche Krankheitsklassifikationen fassen nicht etwa dysbalancierende Lebensweisen als Störung oder Krankheit auf, sondern die Unfähigkeit, sich an kulturelle Vorgaben anzupassen.
Dysbalancierende Lebensweisen bedrohen, ängstigen, bedrücken andere und sich selbst. Sie wirken auf die psychische bzw. psychosomatische und über Noxen auf die körperliche Gesundheit. So sind beispielsweise „…Wettbewerb und Beschleunigung… Resonanzkiller, weil sie systematisch Angst erzeugen.“ (H.Rosa). „Burn out“ scheint mir nichts anderes als die Bereitschaft zur Selbstausbeutung als Anpassungsversuch an die ökonomisch aufgezwungenen Regeln.

Lebensweisen, die die natürlichen Lebensgrundlagen labilisieren, sind der Analyse sowohl zugänglich wie bedürftig, sind Gegenstand von Psychodiagnostik und Psychotherapie.

*** Welzer, ebenda S. 83

12. *Menschliches Naturverhältnis: Um dem Schillern des Naturbegriffes zu entgehen, soll hierunter verstanden werden der große Rahmen von menschlichen Aktivitäten und der (ggf. dadurch schwindenden) Robustheit der Lebensgrundlagen auf der Erde (der Biokapazität, im ökologischen Fußabdruck bezogen auf den zuträglichen Flächenverbrauch).

18.*Genial ist er charakterisiert im Scetch „Der K 2000“ (Loriot. Litera). Leider ist gerade dieser Scetch in der Sonderausgabe (Loriot -sein großes Sketch-Archiv, 1997 Radio Bremen) nicht enthalten. Textkopie siehe Datei im Anhang „LoriotK2000Text“
** Louv,Richard: Das letzte Kind im Wald? Beltz. Weinheim 2011
***Fischer, Hermann: Stoff-Wechsel. Auf dem Weg zu einer solaren Chemie für das 21.Jahrhundert. Kunstmann 2012

19.*Einfühlung (Empathie) in Außermenschliches gibt eine schwierige Aufgabe auf: Die Annahme, Einfühlung in phylogenetisch dem Menschen nähere Wesen (Tiere vor Pflanzen vor Erde/Wasser/Luft) sei intensiver und verpflichtender, kollidiert mit dem (schwer annehmbarem) Faktum, dass menschliche Eingriffe umgekehrt folgenschwerer (also den öFa umso mehr erhöhend) sind: (Erde/Wasser/Luft vor Pflanzen vor Tieren). Demgemäß wäre es erstrangig, Eingriffe in die Erde zu unterlassen, und Schutz der Pflanzenwelt rangierte vor Schutz der Tierwelt. Bezieht man den Menschen selbst mit ein, so stehen die Menschenrechte erst an vierter Stelle. Das ist für die gängigen Auffassungen unerträglich.

21.*Der Schrei eines Tieres im Traum kann genau dieser Not entspringen, und die Fixierung etwa auf die Suche nach einem frühen Konflikt mit Bezugspersonen des Träumenden wäre der Abwehr des Therapeuten geschuldet.
**Es wäre nicht absurd, das Inventar der Psychodiagnostik um die Erhebung des ökologischen Fußabdruckes, der inidividuellen CO2-Bilanz oder auch die Erstellung der persönlichen Ernährungs- oder Mobilitätspyramide zu erweitern.
Berechnung Ökologischer Fußabdruck: siehe Anhang sowie: http://www.footprint-deutschland.de/
Berechnung individuelle Co²-Bilanz: http://uba.klimaktiv-co2-rechner.de/de_DE/page/

23.*Dieckmann a.a.O. S.267

27.*Hopkins, Rob: Energiewende. Das Handbuch. Verlag Zweitausendundeins. 2008
Es geht um die Regeln der Permakultur im allgemeinen Sinn des Begriffs (Mollison, in jüngerer Zeit Holmgren). Bei Hopkins S. 134-141. Siehe auch These 31

28. *Peak-Oil-Studie der Bundeswehr 2010, Teilstudie 1: Peak Oil – Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen.

29. *ausführlich zu Resilienz: Hopkins a.a.O., S. 55-57

31.*ausführlich bei Hopkins a.a.O., S. 134-141
**Das impliziert biologisch-kontrolliertes Wirtschaften.

32.Diese zunächst fast kabarettistisch anmutende „Bildungsreform“ schlägt Hopkins vor (a.a.O., S.112).

34. „Ich soll mich zu einem Fakir der Koexistenz mit allem und allen entwickeln und meinen Fußabdruck in der Umwelt auf die Spur einer Feder reduzieren.“ in: Sloterdijk, Peter: Du mußt dein Leben ändern. Suhrkamp. Frankfurt a.M. 2009, S.709

Verweise:
Klimafakten: http://www.ueberlebenskultur.de/wende/allg/klimafakten2013.pdf
Loriot K 2000: http://www.youtube.com/watch?v=-a4RgZIjmPc
(abgerufen am 30.01.2014)
Zum Ökologischem Fußabdruck:
http://www.verbraucherbildung.de/cps/rde/xbcr/verbraucherbildung/2009_Oekologischer_Fussabdruck_FB_Schnauss.pdf
(abgerufen am 30.01.2014)
http://www.fabianbross.de/fuss/fussabdruck.html
(abgerufen am 30.01.2014)
http://reset.to/files/Printversion%20eines%20Tests:BUND%20Jugend.pdf
(abgerufen am 30.01.2014)

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